Endproben, Nerven, Mistel

"bluthochzeit"vorarlberger landestheater

Und dann ist er plötzlich da, der Tag der Premiere. Alles ist gesagt, ausprobiert, wiederholt und beleuchtet. Die letzte Probe wird grimmig absolviert, da darf keiner mehr dazwischen, ab jetzt ist es in der Hand der Spielenden. Applausordnung wird geübt, aber wehe, es fällt ein falsches Wort vom Falschen zur üblen Zeit.

Leave us alone!

Wir schreiben noch ein Flugblatt, das wir ins Programmheft legen wollen, „Unsere Gedanken zur Welt außerhalb des Theaters“, weil wir viel über die Ereignisse in Paris und Nigeria und an so vielen anderen Plätzen geredet haben und etwas, irgendetwas tun wollen.

„Und nun ist plötzlich alles vorbei? Die geile Zeit, die wir miteinander hatten?“ Umso schöner, weil sie so kurz ist. War. Eine Gruppe von Leuten von seltener – ja, was?- Harmonie? Nein, wirklich nicht. Energie eher. Verbundenheit klingt auch blöd, Innigkeit. Naja, irgendwie so. Die Impulse liegen offen, wir blicken uns an. Unverstellt vielleicht.

Heute Abend geht der Eiserne Vorhang hoch. Das Spiel beginnt.

Ich mache immer eine kleine Übung, wenn die Nerven so blank liegen wie sie es normalerweise an einem solchen Tag tun. Auch gut für alle Hypersensiblen, und überhaupt für alle, die sich mal wieder kurz erden müssen. „Erden“, das trifft es ganz gut. Im Sinne von Kontakt zur Umgebung.

Hinsetzen, Kopf locker aufrecht, Hände neben sich legen, gut ist, wenn man sich nirgendwo selbst berührt. Augen zu. Los geht’s, nacheinander schaltest du alle Körperteile aus, beginnend an den Füßen. Das Bewusstsein ablegen wie einen Handschuh. Beobachten, was geschieht, auch den Schmerz beobachten, falls einer da ist und immer weiter hinauf ausdehnen, bis am Schluss nur noch der Atem übrigbleibt. Du bist jetzt dein Atem, alles andere ist Hülle für den Atem und gehört gar nicht dir, verschmilzt mit der Umgebung. Ich habe immer das Bild von einem umgedrehten Baum, die Äste in der Lunge sind die Zweige. Wer mag, kann jetzt dem Baum auch noch verschiedene Farben geben.

Was passiert? Adaption nennt man das in der Schulmedizin, das Phänomen, dass man Berührungen nach einer Weile nicht mehr spürt, wahrnehmbar bleiben sie nur durch Veränderung, Stimulation. Deshalb nimmt man Babys in den Arm und schmust mit ihnen, so entwickeln sich in ihrem Hirn die Synapsen. Streicheln ist auch irgendwann aufregender als nur Händchen halten. Deswegen kann man das Bewusstsein für seinen Körper verlieren, wenn man ruhig da sitzt.

Die Übung habe ich mir mal ausgedacht, na ja ausgedacht trifft es nicht wirklich, weil ich nicht drüber nachgedacht habe, was ich tun will, als ich nach einem Riesenkrach mit meiner Familie in den Park rausgerannt bin. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, wütend wie ein Stier. Wut ist für manches gar nicht so schlecht. Ich wollte runterkommen und hab die Augen zugemacht und gemerkt, was für eine gute Luft grade war. Ich nenne die Übung „Nerven kämmen“, weil ich anschließend das Gefühl habe, dass ich all die zerzausten Nervenknoten wieder entwirrt habe, so dass sie wieder schön ihre Aufgaben erledigen können.

Inzwischen geht es sehr schnell, dass ich in diesen Zustand von Loslösung komme, auch nicht schlecht nach durchfeierter Nacht zur Erholung. Oder als kleine Pause zwischendurch. Das Herz freut sich auch, es schlägt langsamer und die Muskeln lassen los. Man könnte vielleicht auch Meditation dazu sagen, keine Ahnung. Das ist auch nur so ein Begriff. Nerven kämmen tut es für mich auch.

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Noch ein Thema, das auch zum Innersten gehört: die Mistel. Um endlich auch mal wieder eine Pflanze zu erwähnen in dieser vegetationsarmen Zeit. Die Mistel gehört zu den ältesten Heilmitteln, wurde von unseren Urvätern mit einer goldenen Sichel geschnitten und in Tüchern aufgefangen, damit sie nicht die Erde berührt. Sie galt als ein Allheilmittel. Heute wiederentdeckt ist ihre positive Wirkung als Begleitung der Krebstherapie, sie macht die Therapie besser verträglich, indem sie das Allgemeinbefinden verbessert und das Immunsystem stärkt. In den alten Büchern steht, dass die Mistel „weiß, was als erstes zu tun ist.“ Sie beginnt dort zu wirken, wo es nötig ist, reguliert selbst und erkennt den Schwerpunkt.

Meist beginnt ihre Wirkung an der Wirbelsäule, also dort, wo die Nerven entspringen. Hier setzt sie an und die Sensiblen unter uns können vielleicht spüren, wie die Wirbelsäule reagiert, ein aufsteigendes Kribbeln, das bis zur Schädeldecke geht etwa. Sie entspannt den verkrampften Magen und beruhigt das zu schnell schlagende Herz. In der anthroposophischen Medizin wird unterschieden zwischen den Wirtspflanzen, auf denen die Mistel wächst. Die wertvollsten wachsen auf den Eichen und Apfelbäumen. Für einen Selbstversuch abgeraten wird von Misteln von Ahorn, Linde, Walnuss, Pappeln und Robinie. Pflücken, nicht auf die Erde fallen lassen, trocknen (neigt u.U. zum Schimmeln, also gut dunkel und warm trocknen) und dann als Tee trinken. Nur das Kraut, nicht die Beeren. Ausprobieren, wie stark man es mag und was angenehm ist. Am besten am Abend kalt ansetzen und am nächsten Tag nur leicht erwärmt trinken, dann lösen sich garantiert keine Giftstoffe. Dünn schmeckt der Tee ganz weich, schmeichelnd, geradezu lieblich, stärker kommen dann auch die Bitterstoffe zum Vorschein, die entschlackend wirken, vor allem seelisch entschlackend, heißt es. Auch saure Komponenten sind dann dabei, die zusammenziehende Kräfte haben, so dass die Gefühle nie außer Kontrolle geraten und die Süße bringt einen auf neue, lebensbejahende Ideen. Mit nur einer Pflanze!! Ein Tee, der von Rückenschmerzen über Krebs und Erkältung bis hin zu Liebeskummer alles behandelt, einen Versuch ist das zumindest doch wert, oder?

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