Fanfaren und Wälder

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Die alte Stiftsruine, wo schon Martin Luther predigte. Heute spielen wir hier Theater.

 

Nun hat der Sommer endlich mal „so richtig Fahrt aufgenommen“, wie im Radio stolz verkündet wird, als wäre es eine Leistung, zu der wir alle etwas beigetragen hätten.

Und meine Zeit bei den Festspielen geht zu Ende.

Die drei Monate in dieser kleinen, sympathisch buckeligen und krummen Stadt sind fast schon um.

Der Theaterrausch unter freiem Himmel ist bald vorbei. Abend für Abend spielen wir vor anderthalb Tausend Menschen, die meist atemlos zuhören und uns dann feiern, das ist ein Riesenerlebnis und ein Geschenk, für das ich sehr dankbar bin.

Meine kleine Wohnung werde ich bald verlassen und aus dem Hexenhäuschen aus dem 16. Jahrhundert über dem herrlichen Gemüsegarten ausziehen. Die Wohnung zeigte mir, wie wenig ich doch brauche und was ich alles weglassen kann. Vom Schreibtisch ist es jeweils ein Schritt zum Bett, in die Küche oder ins Bad, putzen dauert zehn Minuten. Zwei Kochplatten reichen und ich kann auch mit kaltem Wasser abwaschen, wenn ich den Boiler nicht anschalten will.

Mehr und mehr komme ich von dem quirligen Leben zwischen Maske und Auftritt zurück an den Schreibtisch, wo ich das Manuskript für das Buch über die Sprache der Pflanzen fertig schreibe, um es rechtzeitig abzugeben. Zwischendurch habe ich inzwischen über dreihundert Fotos für das Buch gemacht.

Ein paar Ausflüge in die wunderschöne Umgebung haben mir gezeigt, wie wenig wir doch unser Inneres schätzen: hier ist das Zentrum unseres Landes, hier wanderten die Gebrüder Grimm und schrieben unsere tradierten Geschichten auf, hier gibt es die meisten Wälder (Mischwälder von einer einzigartigen Vielfalt!) … und die Menschen gehen weg.

Wir streben an die Ränder und nach außen, Bayern, die Alpen und die Meeresküsten sind die beliebtesten Urlaubsziele hierzulande. Wir möchten in Städten wohnen und schnell viel erleben. Den Atem, die Geduld und die Bescheidenheit der Langsamkeit habe ich in den Wäldern um Bad Hersfeld herum erfahren.

Aus dem Radio kommen Schreckensnachrichten über Terror und Amokläufe. Sie werden breit diskutiert. Meiner Meinung nach verstärkt sich dadurch der angstmachende Effekt. Ja, jeder Angriff ist furchtbar. Wenn man sich aber die Statistiken anschaut, gab es in Europa seit dem Krieg nie so wenige Opfer von Terrorakten wie heute.

Wir können uns schlechter entziehen, weil es aus allen Kanälen zu uns schallt. So wie wir uns hier in Bad Hersfeld den Fanfaren nicht entziehen können, die die Theaterstücke ankündigen.

Jedesmal, wenn sie erklingen, reißen sie mich aus meinem Tun und ich denke kurz: „Oh! Ist das mein Stück, das beginnt? Muss ich spielen?“ Bis ich mich vergewissere, nein, diesmal ist es ein anderes Stück, das gezeigt wird.

So sollten uns diese furchtbaren Nachrichten vielleicht auch nur kurz beschäftigen. Wir sollten ihnen jedenfalls nicht die Macht über unser Befinden geben und in Panik verfallen, sondern das tun, was wir können, um Liebe und Toleranz zu verbreiten.

Ich packe langsam meine Koffer, klappe den Laptop zu, schalte den Fotoapparat aus und ziehe weiter.

Im Sommer gebe ich einige Kurse bei O’Pflanzt, mache einen Workshop mit den Kolumbianern für unser „El Dorado“-Projekt und dann bin ich im Herbst ab September für eine Produktion in Wien, am Josefstadt-Theater, wo das nächste Abenteuer auf mich wartet. Ich freue mich schon darauf!   

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