Wien, Generalprobe und Wahlnacht

 img_2038Und schon ist sie wieder fast um, die Zeit hier in Wien. Meine Fingernägel sind rot lackiert, ein seltsamer Anblick auf meiner Tastatur.Es ist neun Uhr abends, heute war die Generalprobe im Theater, meine Haut ist blass, ich war nie draußen. Es ist kalt geworden, dass ich anfangs noch in der Donau geschwommen bin, ist fast nicht mehr wahr. Meine weiße Wohnung ist mir heimisch geworden, der Platz am Schreibtisch sehr eingesessen. Meine Kräutersträuße hängen in allen Räumen, sie erfüllen mit ihrem Duft die Wohnung und wirken wie eine Schrift auf den weißen Wänden. Diesmal habe ich meinen Laptop auf Klopapierrollen gestellt, damit ich nicht runtergucken muss beim Schreiben.

Ich weiß, wann das unheimliche Baby im Haus anfängt, zu schreien, wie lange es dauert, bis sich jemand drum kümmert. Wenn der Nachbar zweimal am Tag raucht, steigt der Geruch durch den Lüftungsschacht in der Toilette hoch zu mir, dann riecht es, als würde sich jemand in meiner Wohnung eine Zigarette anzünden. Nie habe ich vergessen, die Klotür zuzumachen.

Der Ausschlag am Fuß von den alten Schuhen, die ich für die Rolle anprobieren musste, ist fast wieder gut. Das Stück „Die Verdammten“ spielt in den 30er Jahren, nach dem Film von Visconti. Wir stellen die Machenschaften der Familie Krupp während der Nazizeit dar.

Es wird keine Gemeinheit, keine Brutalität ausgelassen. Das war manchmal sehr schmerzhaft während der Proben, physisch und psychisch. Hinter der Fassade von Reichen und Schönen lauert der Schrecken und die Zerstörung. Das Ringen um Macht. Ich hatte lange Stunden in der Schneiderei, die mir ein unfassbar glamouröses goldenes Kleid geschneidert haben. So etwas hatte ich noch nie an. Und wie gesagt, rote Fingernägel, die Haare frisiert.

Im Stück wird ein Ausschnitt der Geschichte gezeigt, wie sich die Nazis mit Lügen, kaltem Kalkül und gewissenlosem Morden ihren Weg gebahnt haben. Wir alle wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Heute Abend höre ich im Radio die Berichte über die Wahlnacht in den USA. Völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die NATO übrigens gerade an der Grenze zu Russland 300.000 Soldaten in hohe Alarmbereitschaft versetzt.  

Nach der Premiere wird es wieder darum gehen, zur Autonomie zurückzufinden, mir selbst den Alltag zu strukturieren. Obwohl, das war die größte Übung für mich in dieser Zeit: die Autonomie nicht abzugeben.  Die Verantwortung für meine Gefühle niemandem zu überlassen. Nicht so leicht, denn als Schauspielerin sind die Gefühle die Musik und die Noten, die gespielt werden. Der Körper und die Stimme sind das Instrument.

Es ist Mitternacht, die ersten Wahllokale schließen in den USA, ich will im Moment gar nicht wissen, wer gewinnt. Ruhe und Dankbarkeit, das empfinde ich für die vergangene Zeit. Es war ein großes Erlebnis, ein Geschenk. Ich ziehe mich zurück, packe meine Koffer und freue mich auf das nächste Abenteuer…

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 Servus, ihr Kaffeehäuser, ich bin bald wieder da!

 

 

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