Premiere, Perchten, Birke und Schlüsselblume

Die Premiere ist eine Erlösung, endlich vor Publikum spielen, das ist es, was wir wollen! Es läuft alles ziemlich rund, der Applaus tut einfach nur gut und dann fängt das Danach an.

Hier die wunderbare Charlotte Schwab und ich. Es ist so toll, mit ihr zu spielen!

"bluthochzeit"vorarlberger landestheater

An Häusern wie diesem hier wird anschließend den einzelnen Beteiligten gedankt: jeder wird auf eine Bühne gerufen, er wird den Gästen präsentiert. Ein bisschen so wie auf einem Viehmarkt oder so. Zu jedem werden warme Worte gesagt, manche spontane, fragwürdige Versprechungen gemacht, das gehört hier dazu. Gut gemeint vielleicht, vielleicht verlangt das das Premierenpublikum, schließlich zahlen sie gut und fühlen sich gern nah an der Kunst. Aber man ist noch so offen, weil man das für die Arbeit einfach sein muss, dass jedes Wort eigentlich verletzen muss. So wie die Augen noch geblendet sind vom Scheinwerferlicht, so ist die Seele noch nicht wieder bedeckt mit, ja mit was? Mit schützendem Selbst? Keine Ahnung, jedenfalls fühlt es sich so an, als würde man Torwart sein und es wird geschossen. Die Bälle gehen alle rein, es ist immer der falsche Fuß, auf dem man steht.

Die meisten haben Familie oder Freunde eingeladen, die nun endlich auch mal teilhaben wollen an unserer tollen Truppe, aber diese Party verläuft irgendwie lahm. Der Ort passt nicht, die Musik ist falsch und die Erwartungen der hungrig Angereisten werden wohl enttäuscht. Ein wirkliches Spektakel ist diese Feier nicht. Die ohne Anhang feiern schließlich mit den Technikern im verrauchten engen Aufenthaltsraum, da ist es etwas kuscheliger. Aber eigentlich ist die Spannung weg.

Der nächste Tag ist wie das Wetter: eine dicke graue Wolke. Alles fällt schwer. Alle Morgenrituale werden halbstundenweise verschoben und es ist schließlich Nachmittag, bis man wieder zu irgendetwas fähig ist. Ich habe nun deutlich Heimweh. Will schwitzen und gehe in die Sauna, um mich irgendwie sauberer zu fühlen.

Und als die Wolke sich langsam, sehr, sehr langsam lichtet, zeigt sich wie der Dreck unter dem tauenden Schnee, dass die Welt sich erstaunlicherweise weitergedreht hat. Es ist wieder Alltag. Gottseidank.

Die Premiere fällt in die Zeit der Perchten, die ungefähr 40 Tage nach Weihnachten ausbrechen, um die Zeit, die Maria Lichtmess (2.Februar) genannt wird. Das Erstaunliche ist, dass es diese Feste immer schon gegeben hat, und das nicht nur bei uns. Die große Göttin zieht in weißer Gestalt mit ihrer Geisterschar durchs Land  und macht die Menschen närrisch, indem sie von den Köpfen und Körpern Besitz ergreift. Darüber gäbe es jetzt so viel zu erzählen, dass es diesen Rahmen sprengen würde. Früher fand ich Fasching total doof und habe immer gesagt, dass ich mich nur verkleide, wenn ich dafür bezahlt werde, aber nun weiß ich, dass es uralte Instinkte sind, die sich zu Wort melden. Einfach die Fortführung von Ritualen, die es immer schon gegeben hat, quasi Naturgesetze! Die Urkraft der Wildnis, die in verrückter Gestalt über unsere zivilisierte Welt herfällt! Lustvolles Treiben, das Wort Fastnacht kommt von faseln und bedeutet fruchtbar machen, gedeihen. Ob ich doch mal auf so eine Faschingsparty gehe? Weiß nicht…

Überall dort, wo die Perchten ihren Fuß hinsetzen, drängt neuer Saft, neues Leben hervor.

Schon in der Steinzeit wurden die Birken angezapft und das Birkenwasser vergoren, das war der Stoff für die wilden Feste. Wir können das heute noch tun (also Anzapfen, wir haben inzwischen ja anderen Alkohol für unsere Parties und müssen ihn nicht vergären…) Der Birkensaft enthält jede Mengen vitaler Stoffe, die uns mit ihrer reinigenden und entschlackenden Kraft ins Jahr hinein helfen. Er ist süß und enthält einen Stoff, der sogar Karies stoppen soll! Schaut euch um, ob ihr nicht eine Birke findet, die ihr anbohren dürft! Schon an einem Tag kann man bis zu einem Liter Birkensaft ernten, das reicht fürs Erste. Bis in den April/Mai hat man dafür Zeit.  Die Birke war der weißen Göttin geweiht und steht für Neubeginn und Reinigung.

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Eine zweite Pflanze wollte ich noch erwähnen, die auch in diese Zeit gehört: die Schlüsselblume. Der Sage nach gehörte sie Freya, das war ein Name der großen Göttin, die als Herrin des Gehöfts, als Hausfrau gesehen wurde. Sie hatte die Schlüsselgewalt und mit den ersten Blumen im Jahr, den Schlüsselblumen, schloss sie das Tor auf, so dass der Frühling eintreten konnte. Die Kirche gab später Petrus symbolisch die Schlüsselblumen, mit denen er seither den guten Seelen das Himmelstor aufsperrt.

Es lassen sich viele Mittel mit der Schlüsselblume machen, denn sie hat große immunstimulierende, regulierende Eigenschaften. Aber mein Lieblingsmittel von ihr ist ein Hildegard von Bingen Mittel: Man sammle einen großen Strauß Schlüsselblumen und binde ihn sich nachts auf das Herz, so dass er das Herz erwärmt. Das hilft gegen die Traurigkeit und stärkt das Herz. Wenn ein lieber Mensch die Blumen für einen pflückt, soll die Wirkung noch stärker sein…

Hmh. Einige von uns könnten das eventuell brauchen nach der intensiven Zeit hier, wo so manches passiert ist nach dem Motto „What happened in Las Vegas, stays in Las Vegas“….

Das gleiche gilt auch für alle anderen, die es im Fasching haben krachen lassen. Es waren die Geister, die von uns Besitz ergriffen haben, hurra.

Auf geht’s.

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