So ein Theater

 

kleineBraunelle

die kleine Braunelle

Nun bin ich schon eine Weile hier in Bad Hersfeld und habe das Gefühl, an vielen parallelen Inszenierungen gleichzeitig teilzunehmen. Auf der Bühne im Stück und an vielen weiteren Improvisationen hinter der Bühne und rundherum. Welcher Eklat ist wie von wem inszeniert? Und um Himmels Willen, zu welchem Zweck? Wir könnten doch einfach mal nur arbeiten und früh schlafen gehen, dachte ich oft in den letzten Wochen.

Den Hauptdarsteller umzubesetzen in letzter Minute bedeutet für uns vor allem: noch mehr Arbeit, noch länger wachbleiben in der Nacht und großes Tamtam.

Wie zeit- und energieraubend die Arbeit mit einer kleinen Rolle wie der meinen sein kann, hat mich immer wieder von neuem erstaunt.

Aber gut, es ist geschafft, die Premiere war ein großer Erfolg, alle Vorstellungen sowieso ausverkauft, alles gut. Dachte ich. Und heute: wieder proben, weil gekürzt werden muss …

Und ich komme nicht zu meiner anderen Arbeit! Wann kann ich schreiben, wenn ich erst nach 2 Uhr nachts nach Hause komme? Und überhaupt: „zuhause“… Mein Zuhause dieses Jahr ist ein anderes als im Jahr zuvor. Nicht mehr der idyllische Garten von Mette. Mein Rücken hat entschieden nein gesagt zu der Vorstellung, vier Monate auf dem alten, durchgelegenen Schlafsofa liegen zu müssen und ich habe mir eine teure, große, moderne Wohnung mit einem richtigen Bett geleistet. Die Möbel sind exakt dieselben weißen Ikeamöbel wie in meiner letzten Wohnung in Wien. Ich wohne zentral, zentraler geht es nicht. Ich könnte alle sehen, die sich der Stiftsruine nähern oder weggehen, wenn ich wollte. Oder hier wäre.

Das Bett mit der Matratze ist gut. Aber ich kann nicht raus. Bei schönem Wetter in der Wohnung zu sein, nicht draußen essen, das bin ich nicht mehr gewohnt und fühle mich eingesperrt. Interessant. Auch interessant ist der Lärm, denn über dem Bäcker gegenüber von zwei Restaurants zu wohnen bedeutet: Lärm bis 24:00 und ab 4:00, plus Gerüche von asiatischem und anderem Essen, Zigarettenqualm, denn draußen darf ja geraucht werden und ab 4:00 dann Geräusche und Geruch der Backwaren-Produktion. Zur Ruhe hätte ich eh nicht kommen  können –  wäre ich da gewesen.

Nachdem ich erfahren musste, dass Hunde und Besuch weitgehend unerwünscht sind, endete ziemlich abrupt der Kontakt zu den Vermietern. In ihrer Bäckerei gibt es konsequent keinerlei Biowaren und alles, was ich dennoch probiert habe, schmeckte irgendwie gleich. Internet habe ich nur in einer Ecke der Wohnung, wo das Stadtnetz funktioniert. Und Müll muss ich selber entsorgen, zweimal im Monat kann ich Müllbeutel, die ich selber kaufen muss, runterstellen. Und da habe ich mir gedacht: danke, das ist ein schöner Hinweis! Ich beschloss, einfach keinen Müll mehr zu produzieren und habe den Mülleimer ausgewaschen und beiseitegestellt. Kaufe sowieso das Gemüse auf dem Markt beim Biostand und sammle die Gemüsereste in einer Tüte im Kühlschrank. Einmal in der Woche nehme ich die Tüte mit bei einem Spaziergang und leere sie im Gebüsch aus, wo der Inhalt kompostieren kann.

Dazwischen hatte ich noch ein paar Lesungen, die sehr beglückend waren, die letzte am 30.6. in Willingshausen. Draußen unter dem sogenannten „Vesperbaum“, einer alten Linde, saßen über 40 Leute auf Strohballen umgeben von der wunderschönen Landschaft und haben mir zugehört. Ich könnte jetzt viel schreiben über den tollen Verein, der mich eingeladen und das Ganze so wunderbar organisiert hat. Aber dann endet der heutige Post gar nicht.

Dazu wird es noch Gelegenheit geben, denn ich werde hoffentlich noch oft mit ihnen zusammenarbeiten, wenn ich nächstes Jahr in diese Gegend ziehe!

Dazu und über den Kurs „Fermentieren“, (den ich unbedingt bald wiederholen und erweitern möchte, weil das Thema so spannend ist und das Interesse so groß war!) nächstes Mal mehr.

Heute nur noch so viel: geht raus und sammelt die kleine Braunelle, die jetzt auf den Rasenflächen blüht! Alle, die mit Herpes oder einer anderen Viruserkrankung zu tun haben sowieso, alle anderen auch, denn das unscheinbare Kraut, das im englischen „self heal“ heißt und das Mittel gegen Diphtherie war, hat große Heilkräfte! Ich habe einen Ölauszug gemacht und behandele mit Erfolg Herpes-Patienten und trinke den Tee gegen die Erkältung, die nicht kommen soll trotz der nächtlichen Arbeit in kalten Gemäuern.

So, das war mein freier Abend jetzt gerade. Denn morgen beginnen die Wiederaufnahmeproben für das Stück des letzten Jahres „Hexenjagd“. Das wird auch interessant. Aber jetzt Computer aus und Hollersekt trinken. Das Rezept gibt es im nächsten Post. Prost.

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Regen, Regen

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Das hier ist der Garten meiner Vermieterin hier in Bad Hersfeld, den sie hingebungsvoll hegt und pflegt. Gemüse, Kräuter und Obst. Sie weiß genau, was wann wo gepflanzt werden muss und mulcht, um den Boden zu verbessern. Den Einsatz von Chemie lehnt sie ab. Jeden Tag arbeitet sie 20 Minuten im Garten, sagt sie. Das reicht. Die Pflanzen danken es ihr und der Boden ist wunderbar. Sie hat ein großes Wissen und eine lebenslange Erfahrung mit diesem Garten. Eine Fruchtfolge hält sie akribisch ein. Es gibt viel zu lernen von ihr. Das größte Wunder ist für mich, dass es keine Schnecken gibt! Wühlmäuse und Kaninchen auch nicht. Der Salat steht da und wächst und wächst. Sogar Basilikum hat se ins freie Beet gepflanzt! Bei mir in Bayern scheinen die Schnecken Flügel zu bekommen, wenn sie irgendwo Basilikum wittern…

Aber auch hier: Regen, Regen. Nicht so viel wie in Bayern, das nicht, aber viel.

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Unangenehm, weil wir mittlerweile meistens schon auf der Bühne Proben. Freilichtbühne. Wohlgemerkt.

Die gute Nachricht für die Zuschauer: Das Publikum sitzt unter einer riesigen Zeltplane. Die Bühne ist nicht überdacht. Wir blicken mit großen nassen Augen auf die leeren, trockenen Ränge. Und triefen.

Und proben in Gummistiefeln und Regencapes über den Kostümen. Wärmepads in den Stiefeln und an den Nieren.

Sonderbar. Ich fühle mich manchmal wie in Plastikfolie verschweißtes Gemüse. Die Probe wird dadurch nicht unbedingt frischer. Und dennoch haben wir Schauspieler meistens großen Spaß. Es ist so absurd, wenn erwachsene Menschen in sonderbarer Kleidung auf einer Bühne durch Pfützen stapfen und imaginäre Türen öffnen, mit Personen reden, die vielleicht gar nicht da sind (weil sie noch in der Maske sitzen oder Interviews geben) und zehn Mal dieselben Sätze herausposaunen, mit wechselnden Gängen, Handlungen oder Haltungen.

Von Mord, Totschlag, Hexerei, Verwünschungen ist die Rede, und dennoch schrauben Techniker ungerührt nebenan an der Dekoration.

Kein Himmel stürzt ein. Es ist nur Theaterdonner. Und jede Menge echtes Wasser.

Zwischendurch fliegen Entenfamilien über uns, lauthals schnatternd und ohne jede Hochachtung vor den künstlerischen Anstrengungen klatscht ihre Kacke auf uns. Aber wir haben ja unsere Capes an.

°°°Auch der Kurs am 12.6. bei O’Pflanzt wird ausfallen müssen. Fotoprobe, kein Gedanke an einen freien Tag…